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Letzte Änderung: 21.12.2000
Das Ende der "152"
Ausgelagerter Rumpf einer 152

Das Ende der "152" und des DDR-Flugzeugbaues vollzog sich bereits vor der entsprechenden offiziellen Verkündung in vielen kleinen Schritten, wobei aber der Abbruch im Jahr 1961 für die Beteiligten besonders nachhaltig in Erinnerung blieb.
Nachfolgend eine Chronologie, die den Niedergang, das Ende und den weiteren Weg der Flugzeugindustrie nachzeichnet.

2.Juni 1959
In einem Treffen zur Beratung der Perspektive der Luftfahrtindustrie der DDR erklärt die sowjetische Seite, daß sie an einem Kauf der "152" nicht mehr interessiert ist.
Der größte Absatzmarkt für die "152" fällt damit weg./53//57/

März 1960
Vom 28.Februar - 8. März findet die Leipziger Frühjahrsmesse statt. Wie in den Vorjahren wird wieder mit großem Aufwand für den DDR-Flugzeugbau geworben.
Die Verkaufsbemühungen für die "152" bleiben jedoch ohne nennenswerten Erfolg.
Polen, Ungarn und weitere Länder zeigen Interesse, aber es kommt zu keinen Abschlüssen.
Den "Aerolineas Argentinas" und kleineren argentinischen Inlandsgesellschaften wird die "152" angeboten und man beabsichtigt, eine Verkaufsniederlassung in Buenos Aires einzurichten./920/

18.Juni 1960
Die Staatliche Plankomission verfaßt eine Analyse zum Stand der Luftfahrtindustrie./57/
Sie enthält u.a. den brisanten Vorschlag zur Einstellung der Entwicklung und Serienproduktion von Flugzeugen.

Juli 1960
Das Politbüro der SED verfügt die Bildung einer Arbeitsgruppe. Sie soll Untersuchungen anstellen, inwieweit die Kapazitäten der Luftfahrtindustrie anderweitig verwendet werden können.

September 1960
Der für den Herbst erwartete Erstflug des dritten Prototypen, 152 V5, wird aufgrund ungeklärter Probleme am Kraftstoffsystem der 152 abgesagt.

6.Oktober 1960
Dipl.Ing. Fritz Freytag, Chefkonstrukteur und Technischer Direktor der Flugzeugwerke Dresden, siedelt in die BRD über.

Oktober 1960
Unter Ausschluß der Öffentlichkeit werden in den Regierungsstellen der DDR nur noch Detailfragen zur Einstellung der Luftfahrtindustrie erörtert./100/

1.November 1960
Der 152 V4 wird die Unbedenklichkeitsbescheinigung (Flugzulassung) durch die Prüfstelle für Luftfahrtgerät (PfL) der DDR entzogen./62/

4.November 1960
Persönliches Schreiben Prof.Baades an den Vorsitzenden der Staatl.Plankommission, B.Leuschner zur Abwendung der Liquidierung der Luftfahrtindustrie.

29. November 1960
Beratung der Staatl.Plankommissionen DDR(Wunderlich)-UdSSR(Chrunitschew) mit Aussagen zur Einschränkung des Flugzeugbaus./57/

Ende November 1960
In einer letzten Abstimmung im engsten Kreis mit Walter Ulbricht wird über den Abbruch entschieden./100/

12.Dezember 1960
Angesichts der heraufziehenden Krise legt die Deutsche Lufthansa (Ost) ihre Forderungen gegenüber der Flugzeugindustrie über ihre bestellten "152" vor./62/

Ende 1960
Nach der Ablehnung des Projekts "155" werden zunehmend luftfahrtuntypische Kleinprodukte in den Betriebsstätten des Flugzeugwerkes gefertigt.
Kartoffellegemaschinen
Bild 1: Bereits seit 1959 werden Kartoffellegemaschinen hergestellt. Links hinten der Tower.

Anfang Januar 1961
Letzte ergebnislose Verhandlungen zur Unterstützung der DDR-Luftfahrtindustrie in Moskau./100/

30.Januar 1961
Brief des Technischen Direktors und Chefkonstrukteurs des VEB Maschinen- und Apparatebau Schkeuditz, Heinz Roessig an Walter Ulbricht mit einer Analyse der Krise der DDR-Luftfahrtindustrie, den Ursachen und Lösungsmöglichkeiten./57/

28.Februar 1961
Auf einer Politbürositzung des Zentralkomitees der SED fällt der formelle Beschluß über das Ende der Luftfahrtindustrie./100//57/

März 1961
Auf der vom 05. - 14. März stattfindenden Leipziger Frühjahrsmesse ist die Luftfahrtindustrie der DDR nur noch durch den VEB Industriewerk Ludwigsfelde vertreten.
Ausgestellt werden das Strahltriebwerk "Pirna 014 A-1" und die Kleingasturbine "Pirna 017"./821/

15.März 1961
Beim MfS wird die Bildung eines Einsatzstabes zu Problemen bei der Einstellung der Luftfahrtindustrie angeordnet./58/
In späteren Publikationen wird die Gründung des "Instituts für Leichtbau und ökonomische Verwendung von Werkstoffen (IfL)" auf diesen Tag gelegt./134/
Leiter des Instituts wird bis zu seinem Tode 1969 Brunolf Baade.

17.März 1961
Bekanntgabe der Auflösung der DDR-Flugzeugindustrie in den Betrieben. /57//124/
Den Flugzeugbauern wird dies später als "Umbildung der Luftfahrtindustrie im Rahmen der Spezialisierung im sozialistischen Wirtschaftsgebiet" verkauft./134/

19.März 1961
Erwähnung des Politbürobeschlusses vom 28.2.61 im "Neuen Deutschland"./57/

März 1961
Lageeinschätzung der Zentralen Kommission mit Hinweis auf "Angriffe gegen Vertreter der alten Intelligenz und SU-Spezialisten". Befürchtungen, daß Stimmung eine politische Dimension erreicht./57/

10.April 1961
Direktionsberatung VVB Flugzeugbau mit Tagesordnungspunkt zur Einstellung des Flugzeugbaus./57/

6.Juni 1961
"Bericht der zentralen Kommission über die Umstellung der Betriebe und Entwicklungseinrichtungen der VVB Flugzeugbau und Voerschlag über den Einsatz der Kapazitäten der Luftfahrtindustrie"
kommt zu einer positiven Einschätzung der bisherigen Aktivitäten./57/

13.Juli 1961
Ministerratsbeschluß zur Auflösung der Luftfahrtindustrie./57/

31.Juli 1961
"Analyse über den Planablauf im 1.Halbjahr 1961" der VVB./57/

Sommer 1961
Die angearbeitete Flugzeugproduktion wird abgewrackt oder ausgelagert.
Die Maschinen V4 und V5 standen zu dem Zeitpunkt in der Halle 285, die angearbeiteten Serienmaschinen -008, -009, -010, -011, -012 und -013 in der Halle 222.
Die Bruchzelle V6 war in der Halle 218(?), die V2 im Wassertank (?), um die Versuche bis Ende 1962 abzuschließen (siehe auch 152 V2 ).
Zur "Freimachung" der Hallen für andere Aufgaben wurden zunächst die beiden Prototypen V4 und V5 regelrecht zerhackt.
Da vermutlich der Aufwand zu hoch war, entschloß man sich die Serienrümpfe auszulagern. So sind die -008 und vermutlich die -009(?) nach Neuhardenberg (Marxwalde) transportiert worden. Die -010(?) und -011 schaffte man nach Rothenburg/OL. Über den Verbleib der -012 und  -013 ist mir nichts bekannt.

8.August 1961
"Bericht der Partei- und Regierungskommission zur Umstellung der Betriebe und Einrichtungen der Luftfahrtindustrie"./57/

31.August 1961
Auflösung der Fakultät für Luftfahrtwesen an der TH Dresden./57/

1.Oktober 1961
Gründung der "VEB Flugzeugwerft Dresden" als Rechtsnachfolger der "VEB Flugzeugwerke Dresden"./57/

2.Oktober 1961
Gründungsversammlung des aus einem Teil der Konkursmasse der Luftfahrtindustrie entstandenen "VEB Elektromat"./124/

31.Dezember 1961
Offizielle Auflösung der VVB Flugzeugbau /57/



Verbleib der Flugzeuge
Es sollen fünf Rümpfe auf verschiedene Flugplätze ausgelagert worden sein.
Und zwar die "-008" und ein weiterer Rumpf (-009?) nach Wriezen (Marxwalde-Neuhardenberg, der Flugplatz der DDR-Regierungsstaffel).
Die "-011" und ein weiterer wurden nach nach Rothenburg/OL überführt.
Die V2 wurde nach Berlin-Schönefeld transportiert.

Bei den folgenden drei Bildern ist leider bisher eine Zuordnung der Maschine, wie auch der Fotostandorte nicht gelungen.
Vielleicht kann jemand weiterhelfen ?

Transport einer 152 zur Auslagerung
Bild 2

Transport einer 152 zur Auslagerung
Bild 3: 1961 Letzte Fahrt einer "152" durch eine sächsische (?) Stadt zur Auslagerung auf einen Flugplatz.

Ausgelagerter Rumpf einer 152
Bild 4: 1961 Die zumeist auf Militärflugplätzen ausgelagerten Rümpfe wurden als Werkstätten oder Lagerräume teilweise bis in die achtziger Jahre genutzt.

Ausgelagerter Rumpf einer 152 auf dem Flugplatz Marxwalde
Bild 5

Ausgelagerter Rumpf einer 152 auf dem Flugplatz Marxwalde
Bild 6: 1966/1967 (Aufnahmejahr)
Die vermutlich weiteste "Reise" (aber leider nicht im Flug) hatten diese beiden Rümpfe gemacht. Sie lagen bis 1988/89 auf dem damaligen
Flugplatz Marxwalde (heute Wriezen an der Ortslage Neuhardenberg, östlich von Berlin).
 

Ausgelagerter Rumpf 152/II -011 auf dem Flugplatz Rotheburg/OL
Bild 7: Juli 1990 Herr Andreas Beutlich vor der "-011" auf dem NVA-Flugplatz Rothenburg/OL.
Die Maschine wurde 1990 von einem "Luftfahrttechnischen Museumsverein" in seine Obhut genommen.
Das Verkehrsmuseum Dresden erzielte im Juni 1992 die Einstufung als technisches Denkmal und konnte den Rumpf im Januar 1993 von der Bundeswehr übernehmen.
Im August 1995 konnte er  in die Elbe-Flugzeugwerke nach Dresden überführt werden, wo die dringende Restaurierung erfolgte.
Voraussichtlich mit der Eröffnung des neuen Terminals des Dresdner Flughafens im Jahr 2001 wird der Rumpf im westlichen Seitenschiff der ehemaligen Halle 222 ausgestellt.

152 Ende der 152    Bild 1: Aus "Der Flugzeugbauer", Bild 2-4,7 Sammlung Andreas Beutlich, Bild 5-6 Sammlung Dietbert Lang
1997-2003 by Frank Manke


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