Das Ende der "152" und des
DDR-Flugzeugbaues vollzog sich bereits vor der entsprechenden offiziellen
Verkündung in vielen kleinen Schritten, wobei aber der Abbruch im Jahr
1961 für die Beteiligten besonders nachhaltig in Erinnerung blieb.
Nachfolgend eine Chronologie,
die den Niedergang, das Ende und den weiteren Weg der Flugzeugindustrie nachzeichnet.
2.Juni 1959
In einem Treffen zur Beratung
der Perspektive der Luftfahrtindustrie der DDR erklärt die sowjetische
Seite, daß sie an einem Kauf der "152" nicht mehr interessiert ist.
Der größte Absatzmarkt
für die "152" fällt damit weg./53//57/
März 1960
Vom 28.Februar - 8. März
findet die Leipziger Frühjahrsmesse statt. Wie in den Vorjahren wird
wieder mit großem Aufwand für den DDR-Flugzeugbau geworben.
Die Verkaufsbemühungen für
die "152" bleiben jedoch ohne nennenswerten Erfolg.
Polen, Ungarn und weitere Länder
zeigen Interesse, aber es kommt zu keinen Abschlüssen.
Den "Aerolineas Argentinas" und
kleineren argentinischen Inlandsgesellschaften wird die "152" angeboten und
man beabsichtigt, eine Verkaufsniederlassung in Buenos Aires einzurichten./920/
18.Juni 1960
Die Staatliche Plankomission
verfaßt eine Analyse zum Stand der Luftfahrtindustrie./57/
Sie enthält u.a. den brisanten
Vorschlag zur Einstellung der Entwicklung und Serienproduktion von Flugzeugen.
Juli 1960
Das Politbüro der SED verfügt
die Bildung einer Arbeitsgruppe. Sie soll Untersuchungen anstellen, inwieweit
die Kapazitäten der Luftfahrtindustrie anderweitig verwendet werden
können.
September 1960
Der für den Herbst erwartete
Erstflug des dritten Prototypen, 152 V5, wird aufgrund ungeklärter Probleme
am Kraftstoffsystem der 152 abgesagt.
6.Oktober 1960
Dipl.Ing. Fritz Freytag, Chefkonstrukteur
und Technischer Direktor der Flugzeugwerke Dresden, siedelt in die BRD über.
Oktober 1960
Unter Ausschluß der Öffentlichkeit
werden in den Regierungsstellen der DDR nur noch Detailfragen zur Einstellung
der Luftfahrtindustrie erörtert./100/
1.November 1960
Der 152 V4 wird die Unbedenklichkeitsbescheinigung
(Flugzulassung) durch die Prüfstelle für Luftfahrtgerät (PfL)
der DDR entzogen./62/
4.November 1960
Persönliches Schreiben Prof.Baades
an den Vorsitzenden der Staatl.Plankommission, B.Leuschner zur Abwendung
der Liquidierung der Luftfahrtindustrie.
29. November 1960
Beratung der Staatl.Plankommissionen
DDR(Wunderlich)-UdSSR(Chrunitschew) mit Aussagen zur Einschränkung des
Flugzeugbaus./57/
Ende November 1960
In einer letzten Abstimmung im
engsten Kreis mit Walter Ulbricht wird über den Abbruch entschieden./100/
12.Dezember 1960
Angesichts der heraufziehenden
Krise legt die Deutsche Lufthansa (Ost) ihre Forderungen gegenüber der
Flugzeugindustrie über ihre bestellten "152" vor./62/
Ende 1960
Nach der Ablehnung des Projekts
"155" werden zunehmend luftfahrtuntypische Kleinprodukte in den Betriebsstätten
des Flugzeugwerkes gefertigt.
Bild 1: Bereits seit 1959
werden Kartoffellegemaschinen hergestellt. Links hinten der Tower.
Anfang Januar 1961
Letzte ergebnislose Verhandlungen
zur Unterstützung der DDR-Luftfahrtindustrie in Moskau./100/
30.Januar 1961
Brief des Technischen Direktors
und Chefkonstrukteurs des VEB Maschinen- und Apparatebau Schkeuditz, Heinz
Roessig an Walter Ulbricht mit einer Analyse der Krise der DDR-Luftfahrtindustrie,
den Ursachen und Lösungsmöglichkeiten./57/
28.Februar 1961
Auf einer Politbürositzung
des Zentralkomitees der SED fällt der formelle Beschluß über
das Ende der Luftfahrtindustrie./100//57/
März 1961
Auf der vom 05. - 14. März
stattfindenden Leipziger Frühjahrsmesse ist die Luftfahrtindustrie der
DDR nur noch durch den VEB Industriewerk Ludwigsfelde vertreten.
Ausgestellt werden das Strahltriebwerk
"Pirna 014 A-1" und die Kleingasturbine "Pirna 017"./821/
15.März 1961
Beim MfS wird die Bildung eines
Einsatzstabes zu Problemen bei der Einstellung der Luftfahrtindustrie angeordnet./58/
In späteren Publikationen
wird die Gründung des "Instituts für Leichtbau und ökonomische
Verwendung von Werkstoffen (IfL)" auf diesen Tag gelegt./134/
Leiter des Instituts wird bis
zu seinem Tode 1969 Brunolf Baade.
17.März 1961
Bekanntgabe der Auflösung
der DDR-Flugzeugindustrie in den Betrieben. /57//124/
Den Flugzeugbauern wird dies
später als "Umbildung der Luftfahrtindustrie im Rahmen der Spezialisierung
im sozialistischen Wirtschaftsgebiet" verkauft./134/
19.März 1961
Erwähnung des Politbürobeschlusses
vom 28.2.61 im "Neuen Deutschland"./57/
März 1961
Lageeinschätzung der Zentralen
Kommission mit Hinweis auf "Angriffe gegen Vertreter der alten Intelligenz
und SU-Spezialisten". Befürchtungen, daß Stimmung eine politische
Dimension erreicht./57/
10.April 1961
Direktionsberatung VVB Flugzeugbau
mit Tagesordnungspunkt zur Einstellung des Flugzeugbaus./57/
6.Juni 1961
"Bericht der zentralen Kommission
über die Umstellung der Betriebe und Entwicklungseinrichtungen der VVB
Flugzeugbau und Voerschlag über den Einsatz der Kapazitäten der
Luftfahrtindustrie"
kommt zu einer positiven Einschätzung
der bisherigen Aktivitäten./57/
13.Juli 1961
Ministerratsbeschluß zur
Auflösung der Luftfahrtindustrie./57/
31.Juli 1961
"Analyse über den Planablauf
im 1.Halbjahr 1961" der VVB./57/
Sommer 1961
Die angearbeitete Flugzeugproduktion
wird abgewrackt oder ausgelagert.
Die Maschinen V4 und V5 standen
zu dem Zeitpunkt in der Halle 285, die angearbeiteten Serienmaschinen -008,
-009, -010, -011, -012 und -013 in der Halle 222.
Die Bruchzelle V6 war in der
Halle 218(?), die V2 im Wassertank (?), um die Versuche bis Ende 1962 abzuschließen
(siehe auch 152 V2
).
Zur "Freimachung" der Hallen
für andere Aufgaben wurden zunächst die beiden Prototypen V4 und
V5 regelrecht zerhackt.
Da vermutlich der Aufwand zu
hoch war, entschloß man sich die Serienrümpfe auszulagern. So
sind die -008 und vermutlich die -009(?) nach Neuhardenberg (Marxwalde) transportiert
worden. Die -010(?) und -011 schaffte man nach Rothenburg/OL. Über den
Verbleib der -012 und -013 ist mir nichts bekannt.
8.August 1961
"Bericht der Partei- und Regierungskommission
zur Umstellung der Betriebe und Einrichtungen der Luftfahrtindustrie"./57/
31.August 1961
Auflösung der Fakultät
für Luftfahrtwesen an der TH Dresden./57/
1.Oktober 1961
Gründung der "VEB Flugzeugwerft
Dresden" als Rechtsnachfolger der "VEB Flugzeugwerke Dresden"./57/
2.Oktober 1961
Gründungsversammlung des
aus einem Teil der Konkursmasse der Luftfahrtindustrie entstandenen "VEB
Elektromat"./124/
31.Dezember 1961
Offizielle Auflösung der
VVB Flugzeugbau /57/
Bei den folgenden drei
Bildern ist leider bisher eine Zuordnung der Maschine, wie auch der Fotostandorte
nicht gelungen.
Vielleicht kann jemand weiterhelfen
?
Bild 2
Bild 3:
1961 Letzte Fahrt einer "152" durch eine sächsische (?) Stadt
zur Auslagerung auf einen Flugplatz.
Bild 4:
1961 Die zumeist auf Militärflugplätzen ausgelagerten
Rümpfe wurden als Werkstätten oder Lagerräume teilweise bis
in die achtziger Jahre genutzt.
Bild 5
Bild 6:
1966/1967 (Aufnahmejahr)
Die vermutlich weiteste "Reise"
(aber leider nicht im Flug) hatten diese beiden Rümpfe gemacht. Sie
lagen bis 1988/89 auf dem damaligen
Flugplatz Marxwalde (heute Wriezen
an der Ortslage Neuhardenberg, östlich von Berlin).
Bild 7:
Juli 1990 Herr Andreas Beutlich vor der "-011" auf dem NVA-Flugplatz
Rothenburg/OL.
Die Maschine wurde 1990 von
einem "Luftfahrttechnischen Museumsverein" in seine Obhut genommen.
Das Verkehrsmuseum Dresden erzielte
im Juni 1992 die Einstufung als technisches Denkmal und konnte den Rumpf
im Januar 1993 von der Bundeswehr übernehmen.
Im August 1995 konnte er
in die Elbe-Flugzeugwerke nach Dresden überführt werden, wo die
dringende Restaurierung erfolgte.
Voraussichtlich mit der Eröffnung
des neuen Terminals des Dresdner Flughafens im Jahr 2001 wird der Rumpf im
westlichen Seitenschiff der ehemaligen Halle 222 ausgestellt.
152 Ende der 152 Bild 1: Aus "Der Flugzeugbauer",
Bild 2-4,7 Sammlung Andreas Beutlich, Bild 5-6 Sammlung Dietbert Lang
1997-2003 by Frank Manke